Raum. Diese schwebten um mich herum
und führten einen Dialog mit mir. Ich
kann mich aber nicht an einzelne Worte
erinnern, eswaren eher Emotionen. Dann
hörte ich immer auch immer wieder eine
Zahnradbahn. Es war so ein Geräusch, so
ähnlich wie Tschk, Tschk, Tschk…“ War
Kerber hier an der Grenze zum Jenseits?
Hat er ein sogenanntes Nahtodeserlebnis
gehabt? „Nein, das sind Leistungen des
Gehirns, die man bis heute noch nicht er-
forscht hat“, ist Michael Zimpfer sicher.
Wie das Leben dann nach einem Koma
aussieht, ist leider teilweise dramatisch.
„Dauert ein Koma länger als 24 Stunden
an, erlangen nur 13% der Patienten das Be-
wusstein wieder. Von diesen sterben im
ersten Jahr nach dem Koma 90%. Nur 10%
überleben. Von den Überlebenden leiden
2/3 an schwerstenFolgeschädenund 1/3 an
moderaten Folgeschäden. Lediglich 1%der
Patienten wird wieder vollkommen ge-
sund“, weißMichael Zimpfer.
Bedenktman, dassMichael Schuhmacher
mehrere Monate im Koma war, lässt sich
abschätzen, wie gering leider die Chance
für eine vollkommene Genesung ist.
Kleine Subline für Fließtext
Aber auch für Wolfgang Kerber standen
anfangs die Chancen nicht gut: „Das
schlimmste nach dem Aufwachen war,
dass ichweder gehennoch sprechenkonn-
te“, erzählt Kerber, „ich kann mich erin-
nern, dass ich in Begleitung einer Kran-
kenschwester immer auf beiden Beinen
auf die Toilette gehüpft bin, weil ich mei-
ne Beine nicht koordinieren konnte. Aus
meinem Mund kamen nur irgendwelche
Laute, die niemand verstand. Eswarwirk-
gesund&fit:Was ist einKoma?
Dr.Michael Zimpfer:
Ein Koma ist tiefste
Bewusstlosigkeit. DasmenschlicheGehirn
hat zwei große Aufgaben: Die Steuerung
der Körperfunktionen, wie etwa Atmung,
Darm, Herz, Blase. Die andere Aufgabe ist
das, was das „Mensch sein“ ausmacht. Das
sind nebenDenken auch Emotionen – Zorn,
Hass, Liebe, Kreativität und viele andere.
Wenn nun ein bestimmter Teil des Gehirns
geschädigt wird, dann fällt alles, was von
diesemTeil gesteuert wird, aus.Werden
größere Areale geschädigt, dann kommt es
zu einemKoma.
WelcheUrsachen für einKoma gibt es?
Zimpfer:
Als Komaursachen kommt alles in
Frage, was genugHirnsubstanz schädigt,
dass das Gehirn diemenschlichenDenkleis-
tungen nicht mehr erbringen kann. Dazu
zählen beispielsweise Kreislaufstillstand,
Sauerstoffmangel mit Ertrinken, Tumore,
Entzündungen, Schlaganfall, Blutungen und
vielesmehr.
Wie viel Gehirnsubstanzmuss geschädigt
sein, damit es zu einemKoma kommt?
Zimpfer:
DasmenschlicheGehirnwiegt ca.
1,5 Kilo und besteht fast zu 90%ausWas-
ser.Wenn nun beispielsweise eine kleine Lä-
sion oder Blutung in Kirschkerngröße an ei-
ner wichtigen Stelle auftritt, dann kann das
schon ein Koma auslösen. An einer anderen
Stelle kann es sein, dassman eine größere
Blutung gar nicht bemerkt. Es kommt also
immer darauf an, wo genau das Gehirn ge-
schädigt wird.
Was ist derUnterschied zwischenKoma
und klinisch tot?
Zimpfer:
Ein Koma ist eine tiefe Bewusstlo-
sigkeit. Auch eine Vollnarkose ist ein Koma!
Je nachdem, welcheGehirnteile geschädigt
sind, können Komapatienten auch atmen
oder schlucken. Klinisch tot ist der Patient,
wenn er keine Kreislauffunktionenmehr hat.
Also keinenHerzschlag, keine Atmung. Da-
bei hat er noch eine kurze Phase von ca. vier
Minuten, in der er wiederbelebbar ist. Au-
ßer, er ist gekühlt. Dannwird diese Phase
länger.Wiederbelebte Patienten haben oft
Gehirnschäden, da das Gehirn zu lange kei-
nen Sauerstoff erhalten hat. Oft werden die-
se Patienten komatös.
Undwann sprichtman von „hirntot“?
Zimpfer:
Von hirntot spricht man, wenn der
Patient keineGehirnfunktionen und somit
auch keine Atmungmehr zeigt. Es gibt Hirn-
tote, die bewegen aber noch die Arme oder
Beine, das liegt dann an den Rückenmarks-
reflexen. Es kann dann der Eindruck entste-
hen, der Patient lebt noch.
Wie therapiertmaneinenKomapatienten?
Zimpfer:
Wenn Teile des Gehirns geschä-
digt sind, dann sindmancheGehirnzellen
komplett zerstört, andere sind gesund und
wieder andere kränkeln. Man versucht nun,
diese kränkelndenGehirnzellen zu schonen,
damit diese nicht auch noch zerstört wer-
den. Dazu kühlt man den Patienten. Man
versucht auch durchMedikamente, das Ge-
hirn quasi ruhig zu stellen. Man schaltet
durchNarkosemittel die elektrische Aktivi-
tät des Gehirns aus. Das Interessante ist,
dass einGehirn, selbst wenn es „ausge-
schaltet“ ist, immer noch 70 Prozent vom
normalen Sauerstoffverbrauch benötigt.
Was passiert nach einemKoma?
Zimpfer:
Da gibt esmehrereMöglichkeiten.
Die erste ist leider, dass der Patient verstirbt.
Die zweite ist, dass er aufwacht undwieder
ganz gesundwird. Das geschieht allerdings
nur in ein Prozent der Fälle. Bei einemDrittel
der Patienten, die aus einemKoma aufwa-
chen, bleibenmoderate Schäden zurück.
Zwei Drittel der ehemaligen Komapatienten
müssenmit schwersten Behinderungen le-
ben oder sie fallen in einWachkoma.
Was ist einWachkoma?
Zimpfer:
EinWachkoma ist ein Zustand, in
demder Patient atmen kann und primitive
Körperfunktionen erhalten sind. Ganz ty-
pisch ist, dass diese Patienten schmatzen.
Es gibt Berichte von Patienten, die jahrelang
imWachkoma sind. Vereinzelt wachen die-
se Patienten nach Jahren auf, das ist aber
ganz selten. Alleine inDeutschland befin-
den sich zur Zeit ca. 8500 Patienten im
Wachkoma.
Autorenzeile
30
gesund
&
fit
medizin
#schicksal
Univ. Prof. Michael Zimpfer
im Medizin-Talk
„Koma ist tiefe Bewusst-
losigkeit!“
der Experte
Univ. Prof. Michael Zimpfer
leitete jahrelang die Uniklinik für Intensivmedi-
zin. Er ist Ordinarius imWr. AKH, Anästhesist,
Intensivmediziner und Schmerztherapeut im
Gesundheitszentrum Döbling.
der Experte
Univ. Prof.
Michael Zimpfer leitete
jahrelang die Uniklinik
für Intensivmedizin. Er ist
Ordinarius imWr. AKH,
Anästhesist, Intensivmedi-